Kader Attia, Les Terrasses

Kader Attia, Les Terrasses

Marseille

Eine rundum gelungene Konstellation sieht zum Beispiel so aus: Sommer, Hitze, Ferien, Meer und Kunst an der frischen Luft. Attias Terrassen befinden sich auf einem Pier zwischen Stadt und hoher See. Man muss mit dem Boot übersetzen, derweil lässt sich während der Wartezeit am Kai noch gemütlich der schwarz gehäkelte Betonmantel des neu eingeweihten Museums (Muceum) bewundern. Das Schiff kommt, es folgt das übliche Einsteigeritual, Sitzplätze werden ergattert und los geht’s. Wir schippern zunächst die Marseiller Silhouette entlang, hier die Basilika Notre Dame de la Garde, da Fort St. Jean, Altstadt und Hochhäuser. Bevor ich mich zum wiederholten Male in Gänze über den nervenden 100 m hohen Phallus-Wolkenkratzer von Zaha Hadid aufrege, schiebt sich ein nicht enden wollender Frachter ins Blickfeld. Dann zeichnen sich die treppenartigen Architekturskulpturen vor der Piermauer ab. Aus der Ferne wirkt das Ensemble noch wie eine weiße Miniaturskyline. Auf der einen Seite also die urbane Silhouette, auf der anderen Seite die diesbezügliche Kunst. Wir schaukeln noch ein wenig auf dem Meer rum, dann legt das Schiff an. An der Anlegestelle begegnet man bald einem gewieft drapierten Fahrrad samt Getränketheke, damit frau sich mit einer Zitronade für den Kunstgenuss stärken kann. Am Pier fängt die Arbeit nach etlichen Metern arglos an: Einige kurze Stufen führen zu einem kleinen Podest, das für meine Körpergröße freilich nicht hoch genug reicht, um einen Blick über die Mauer zu werfen. Dann schließt sich eine Art Sitzlandschaft aus weißem Beton an, deren Plateaus sind schon erhabener und durchsetzt mit einzelnen, begehbaren Türmen, die in die Höhe ragen. Manche steigen hinauf, machen eine ‚Bella Figura’ und lassen sich dort oben fotografieren.

Die Installation zwischen Möbel und Skulptur zieht sich den ganzen Pier entlang, es gibt einige Module mit schmalen Treppen und etliche Podeste mit breiten Stufenformationen. Man kann herumlümmeln, sich eine gute Meeres-Sicht verschaffen, gen Stadt, Museum, Küste und Himmel blicken oder sich an die Stufen schmiegen und im Schatten ein kurzes Nickerchen halten. Eine unprätentiöse, gleichwohl raffiniert ortsbezogene Angelegenheit mit minimalem Aufwand und hoher Aufenthaltsqualität.

 

von Birgit Effinger

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